- © Foto: InfoDigital/Udo Bley -
DAUN, 28.07.2021 - 13:52 Uhr
Technik - Radio

Warnsystem über DAB+ Digitalradio kann Leben retten

Im Katastrophenfall muss die Bevölkerung möglichst schnell und umfassend gewarnt und über die Gefahrensituation informiert werden. Ein vom Fraunhofer IIS entwickeltes Warnsystem namens EWF (Emergency Warning Functionality) für DAB+ Digitalradiogeräte, hätte Menschen vor Katastrophen warnen können, selbst bei ausgeschaltetem Radiogerät.

Das Thema Katastrophen-Warnsysteme ist nach der jüngsten verheerenden Flutkatastrophe an der Ahr und in der Eifel wieder in aller Munde. Die Warnungen über empfohlenen Warn-Apps NINA und Katwarn haben die betroffene Bevölkerung wohl nicht überall erreicht. Denn die IP-basierten Warnsysteme haben auch einen gravierenden Nachteil: Wenn das mobile Internet in einem Katastrophenfall einmal ausfällt, können die Warnmeldungen auch nicht mehr über Smartphones empfangen werden. Denn ohne Internet nützt die beste Warn-App auch nichts.

Auch das von der Bundesregierung geplante sogenannte CellBroadcasting, dem verschicken einer Warnmeldung via SMS an mobile Telefongeräte, läuft bei Ausfall einer Mobilfunkverbindung statt an die Menschen ins Leere.

Das Smartphone ist zwar inzwischen bei den meisten Nutzern zur Kommunikationszentrale geworden. Doch was nutzt das beste Smartphone, wenn die Mobilverbindung abbricht oder das Internet versagt.

Da selbst in vielen Regionen keine Sirenen mehr heulen, weil diese schlichtweg einfach abgeschafft wurden, konnten die Menschen in den betroffenen Katastrophengebieten in der Eifel und der Ahr auch nicht vor den Folgen des Hochwassers über heulende Sirenen vorgewarnt werden.

Internet und Mobilfunknetz nicht krisensicher

In solchen Situationen ist die Bevölkerung auf Warnmittel angewiesen, die weder vom Strom, Mobilfunknetz oder Internetverbindung abhängig sind, zum Beispiel akku- oder batteriebetriebene Radiogeräte. Da die meisten Rundfunksendeanlagen über Notstromaggregate verfügen und somit ohne Unterbrechung senden können, kann sich die Bevölkerung zumindest über das Radio informieren.

Ein vor Jahren für DAB+ Geräte entwickeltes Warnsystem geht sogar einen Schritt weiter: Das von der Firma TMT in Bayreuth, in einem Gemeinschaftsprojekt mit den Partnern Fraunhofer IIS, dem Bayern Digital Radio und NOXON entwickelte Warnsystem „Emergency Warning Funktionality“ EWF hätte die betroffene Bevölkerung über DAB+ Digitalradio-Geräte vor den Fluten warnen können und möglicherweise vielen Menschen das Leben retten können.

EWF ist ein entwickeltes Warnsystem mit der Funktion einer barrierefreien Alarmierung innerhalb weniger Sekunden Nutzer von DAB+ Digitalradiogeräten vor bevorstehenden Katastrophen zu warnen. Bei diesem Warnsystem ist ein großer Vorteil, dass selbst im Standby befindliche Geräte im Katastrophenfall aktiviert werden können. Selbst bei einem Stromausfall besteht bei DAB+ Geräten mit Akku- oder Batteriebetrieb die Möglichkeit Warnungsmeldungen über Digitalradios zu empfangen.

„Es gibt bei DAB eine Funktionalität, die dazu führt, dass schlafende Radios, also Radios die am Netz hängen aber ausgeschaltet sind, eingeschaltet werden“, sagte Helwin Lesch, Leiter der Hauptabteilung Verbreitung und Controlling in der Produktions- und Technikdirektion des Bayerischen Rundfunks, in einem Interview von BR24, im Medienmagazin am 23. Juli. Das könne man sich so vorstellen, das wie beim Autoradio, wenn eine Geisterfahrermeldung kommt. Gemeint ist damit die EWF Funktionalität.

Voraussetzung ist allerdings die EWF-Funktion auf DAB+ Endgeräten zu implementieren. Leider steht genau diese Funktion, bis auf wenige Ausnahmen, wie das Noxon dradio1 oder der DABMAN d30 Stereo von TELESTAR, in fast keinem einzigen DAB+ Endgerät zur Verfügung. Der Verein Digitalradio Büro Deutschland steht daher schon lange mit Geräteherstellern im Austausch das EWF Warnsystem in DAB+ Endgeräte zu implementieren.

„EWF kann nur dann funktionieren, wenn es als gemeinsamer Standard implementiert wird“, so ein Sprecher des Digitalradio Büro Deutschland. „Wir befinden uns derzeit im engen Austausch mit Geräte-Herstellern und Chip-Produzenten über wichtige technische Details bezüglich einer möglichen Standardisierung. Die starken Regenfälle und Hochwasser der vergangenen Wochen bieten dazu einen erneuten Anlass“, so der Sprecher weiter. „Ginge es nur nach unseren Wünschen, wäre EWF deshalb schon längst in DAB+ breiter implementiert. Wir arbeiten weiter daran, gemeinsam mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, dem Fraunhofer Institut und anderen Mitgliedern des Vereins Digitalradio Deutschland EWF zu einem integralen Bestandteil der Schutzkonzepte und Warndienste zu machen“, so der Sprecher gegenüber InfoDigital.

Experten des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und des Fraunhofer-Instituts, stellten die Emergency-Warning-Funktionalität (EWF) im Digitalradio erstmals auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) im Herbst 2018 am Deutschlandradio-Stand vor. Zwei Jahre zuvor, im Juni 2016, führte der Netzbetreiber Bayern Digital Radio erste Pilotversuche durch.

Seit Mitte November 2018 werden in Erlangen auf dem DAB+-Sender des Fraunhofer IIS regelmäßig EWF-Testalarme für den Test spezieller Empfangsgeräte ausgesendet (InfoDigital berichtete). Auch im Bundesland Sachsen-Anhalt läuft seit dem 7. November 2019 EWF im Testbetrieb.

Bundesweiter Warntag 2020 über fast alle Plattformen gescheitert

Am 20. September 2020 war es „nur“ ein Test. Der bundesweite Warntag 2020 ging allerdings voll in die Hose. Das Bundesinnenministerium zog daraufhin seine fehlgeschlagene Bilanz: Man wolle die gewonnenen Erkenntnisse bei der weiteren Entwicklung des Warnsystems berücksichtigen, wie das Bundesinnenministerium in einer Pressemitteilung bekannt gab.

„Die Auslösung des Probelalarms am heutigen ‚Warntag 2020‘ ist aufgrund eines technischen Problems fehlgeschlagen. Die Vorgänge werden jetzt umfassend aufgearbeitet. Die gewonnenen Erkenntnisse werden bei der weiteren Entwicklung des Warnsystems berücksichtigt“, resümierte das Bundesinnenministerium den (Miss)Erfolg. Eine umfassende Erklärung des fehlgeschlagenen Warntags laufe, Erkenntnisse würden bei weiteren Erkenntnissen berücksichtigt.

Statt den Erkenntnissen des fehlgeschlagenen Warntags von 2020 bei einem erneuten Warntag in diesem Jahr nachzugehen, haben Bund und Länder den ursprünglich jährlich an jedem zweiten Donnerstag im September geplanten bundesweiten Warntag, für die auf Bundesebene das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) auf der Ebene der Länder die jeweiligen Innenministerien und auf der Ebene der Kommunen in der Regel die für den Katastrophenschutz zuständigen Behörden zuständig sind, kurzerhand abgesagt und auf das kommende Jahr 2022 verschoben, wie auf der Internetseite vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe / ISF Bund-Länder-Projekt / Warnung der Bevölkerung unter https://warnung-der-bevoelkerung.de/ zu entnehmen ist.

Probealarm beim Warntag 2020 via DAB+ eigentlich erfolgreich getestet

Anders das Resümee des Warnsystems für DAB+ Digitalradiogeräte: Der öffentlich-rechtliche Sender Deutschlandradio hatte hingegen am letzten Warntag im September 2020 Jahr die Aussendung des Probealarms über DAB+ erfolgreich getestet (InfoDigital berichtete): „Um 11:00 Uhr wurde im Kölner Funkhaus die Signalisierung (Announcement) TestAlarm geschaltet. Es signalisiert im bundesweiten DAB+ Netz der Media Broadcast, dass das Programm Deutschlandfunk einen Probealarm überträgt. Gleichzeitig wurde der Wortlaut der Probemeldung im Datendienst Journaline veröffentlicht. Damit waren sendeseitig alle Voraussetzungen für die Aussendung einer Warnung über DAB+ gegeben“, so seinerzeit ein Sprecher von Digitalradio Büro Deutschland gegenüber InfoDigital.

„Unsere Referenzempfänger in Köln und Berlin sowie einige Besitzer des passenden NOXON-Radios bestätigten, dass der Testalarm technisch einwandfrei im bundesweiten DAB+ Sendernetz der Media Broadcast empfangen werden konnte. Kompatible Radios, die zum Alarmierungszeitpunkt ein anderes Programm im bundesweiten Ensemble empfingen, schalteten unmittelbar zum Deutschlandfunk um. Das Modell NOXON dradio1 aktivierte sich innerhalb einer Minute aus dem Standby und spielte den Deutschlandfunk. Nach der Entwarnung gegen 11:20 Uhr (Löschen der Signalisierung TestAlarm) kehrten die Geräte automatisch in den Normalbetrieb zurück.“

„Aussendung von Bevölkerungswarnungen über DAB+ hat sendeseitig funktioniert“

Der Warntag im September 2020 zeigte, „dass die Aussendung von Bevölkerungswarnungen über DAB+ sendeseitig funktioniert“, bestätigte der Sprecher weiter.

„Die unabhängig von Internet und Mobilfunk funktionierenden Rundfunknetze sind ein zuverlässiger Kanal zur Warnung und Information der Bevölkerung.“ Im Anschluss an diesen (gewissermaßen) BETA-Test müsse es jetzt darum gehen, die Anwendung bzw. Funktion standardmäßig in alle DAB+ Geräte zu implementieren, forderte der Sprecher abschließend.

In einen Beitrag von Deutschlandfunk vom 7. Juni 2021, wurde gut einen Monat vor der Flutkatastrophe in der Eifel berichtet, dass EWF in einigen Jahren in DAB+ Radios Pflicht sein soll. Dann seien die Radioprogramme der ARD und des Deutschlandradios aufgefordert oder sogar verpflichtet, Informationen weiterzuleiten – je nach Ausmaß der Gefahrenlage.

Ein Warnsystem über DAB+ Digitalradiogeräte mit integrierter EWF-Funktion hätte vielen Menschen das Leben retten können.

Bei der jüngsten Hochwassserkatastrophe in der Eifel, an der Ahr und Regionen NRWs, mussten hunderte Menschen sterben, weil das bundesweite Warnsystem und das diesmal im echten Ernstfall in vielen Dingen versagte.

„Push Dienst per SMS, über CellBroadcast relativ witzlos“

Nach den jüngsten Ereignissen gibt es in der Politik Bestrebungen zu sagen, man brauche eigentlich gar keine terrestrischen Frequenzen, das könne alles über das Internet oder sonstige Digital laufen, erklärt Helwin Lesch im Interview mit BR24. Die Voraussetzung dafür sei ja, dass die Sendeseite funktioniere, so Lesch. Man sehe jetzt, dass bei solchen Hochwasserereignissen, übrigens auch bei terroristischen Anschlägen, dass die Mobilfunknetze dann außer Betrieb genommen würden, gibt Lesch im Interview mit BR24 zu bedenken. Bei Hochwasser deswegen, weil die Mobilfunknetze im Wasser stehen und der Strom abgeschaltet sei. Bei terroristischen Einsätzen in der Regel deswegen, weil dadurch die Kommunikation kontrolliert und unterbunden werden soll. Dies alles limitiere die Möglichkeiten der Katastrophenwarnungen gerade dann, wenn Smartphones und Handys und das was die Menschen wirklich noch dabei haben, erreichen will. „Deswegen ist auch ein Push Dienst über SMS, über CellBroadcast oder sowas relativ witzlos, weil eben die Zelle dann nicht funktioniert, wenn der Mobilfunksender abgeschaltet ist“, gibt Lesch zu bedenken. Die Rundfunknetze hingegen seien geschützt, wies Lesch darauf hin, „so dass wir von unseren Rundfunksendern aus die Menschen wirklich erreichen. Und das am besten dann, wenn man die Menschen nicht nur auf batteriebetriebenen oder akkubetriebenen Radios, sei es UKW oder DAB, sondern auch auf Smartphones und Tablets erreichen können. Daran arbeiten wir. Das System dafür heißt 5G-Broadcast, das ist die nächste Generation des Mobilfunks, die wir dann für den Rundfunk verwenden wollen. Wir glauben, dass es die richtige Methode ist, um die Bevölkerung krisensicher immer informieren zu können“, sagte Lesch abschließend.


Diesen Artikel:
  • print Drucken
  • Bookmark Bookmarken

QR-Code mit dem Handy Scannen und diese(n) Seite / Artikel online Lesen:

 

Google QR Code Generator

QR Code for https://www.infosat.de/technik/warnsystem-ber-dab-digitalradio-kann-leben-retten
Oops... Sie benutzen eine zu alte Browserversion. Um die Seite Korrekt darzustellen benutzen sie bitte mindestens den Internet Explorer 8.
navigateup

Für die Ansicht der mobilen INFOSAT Webseite drehen Sie bitte ihr Handy.